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Fachgespräch

Artenland Schweiz – Fachgespräch mit Mathias Plüss

Gesprächspartner/in
Mathias Plüss
Funktion
Wissenschafts- und Umweltjournalist
Datum des Gesprächs
10.09.2026

Was ist erfolgreiche Umweltkommunikation?

Erfolgreiche Umweltkommunikation ist berührend, konkret und alltagsnah. Sie vermittelt die Dringlichkeit, ohne Menschen durch Angst, Schuldzuweisungen oder Moralisierung abzuwehren, und zeigt realistische Handlungsmöglichkeiten auf. Besonders wirksam ist sie, wenn sie authentisch erzählt wird und mit persönlichen Geschichten sowie aussagekräftigen Bildern Aufmerksamkeit weckt.

Grösster Hebel, höchste Wirkung eines Spendenfrankens

Die grösste zusätzliche Wirkung erzielt die Förderung eines kontinuierlichen, fachlich spezialisierten Umweltjournalismus, der von erfolgreichen Beispielen erzählt und vernachlässigte Themen über längere Zeit recherchiert und verständlich aufbereitet.

Gesprächszusammenfassung

Im Fachgespräch von Artenland Schweiz sprechen wir mit Mathias Plüss über wirksame Umweltkommunikation für Biodiversität und Klimaschutz.

Was wissen wir längst und weshalb geschieht trotzdem zu wenig?
Beim Klimawandel kennen wir die entscheidenden Zusammenhänge seit rund dreissig Jahren. Wir wissen, dass wir den CO2-Ausstoss senken, fossile Heizungen ersetzen und vom Verbrennungsmotor wegkommen müssen. Beim Biodiversitätsverlust sind einzelne Zahlen und Gewichtungen kontroverser, doch auch dort fehlt es nicht grundsätzlich an Wissen. Für mich bleibt rätselhaft, weshalb wir viele längst bekannte Massnahmen nicht konsequenter umsetzen. In den 1980er-Jahren gab es noch eine pragmatische Umweltpolitik: Man erkannte beispielsweise das Problem der Autoabgase und führte den Katalysator ein. Die heutigen Herausforderungen sind grösser, aber zahlreiche Teilprobleme liessen sich ebenfalls pragmatisch lösen. Inzwischen werden Umweltfragen jedoch stark ideologisch aufgeladen.
Welche Rollen spielen Politik, Bevölkerung und Wirtschaft?
Gerade in der direkten Demokratie kann die Politik keine weitreichenden Massnahmen beschliessen, wenn dafür in der Bevölkerung das Verständnis und eine gewisse Sensibilität fehlen. Darum greift der Einwand zu kurz, allein Politik oder Wirtschaft müssten handeln. Individuelles Verhalten, gesellschaftliches Bewusstsein und politische Mehrheiten hängen zusammen. Die Wirtschaft ist teilweise beweglicher, als man vermutet. Sobald Unternehmen erkennen, dass eine Regulierung bevorsteht oder dass eine Umstellung langfristig vorteilhaft ist, können sie rasch handeln. Manche Unternehmen investieren aus einer langfristigen wirtschaftlichen Perspektive in Nachhaltigkeit, nicht aus Menschenfreundlichkeit. Auch Finanz- und Versicherungsunternehmen wissen aufgrund ihres Geschäfts sehr genau, welche Risiken durch den Klimawandel entstehen. Das heisst allerdings nicht, dass alle Unternehmen gleich handeln; fossile Geschäfte bleiben für viele weiterhin attraktiv.
Wo liegt das Problem des heutigen Umweltjournalismus?
Die Themen kommen grundsätzlich vor. Das Hauptproblem ist die fehlende Kontinuität. Es gibt kaum noch Fachjournalistinnen und Fachjournalisten, die ein Gebiet über Jahre verfolgen. Viele Redaktionen sind klein und unter Druck; Journalistinnen und Journalisten arbeiten sich für einen einzelnen Beitrag in ein Thema ein und wechseln danach zum nächsten. Dadurch werden Entwicklungen zu selten über fünf oder zehn Jahre betrachtet, frühere Erkenntnisse nicht weiterverfolgt und Zusammenhänge nicht erkannt. Daneben gibt es sehr aufwendige Langzeitprojekte, für die über Monate oder Jahre recherchiert wird. Mir fehlt jedoch häufig die mittlere Ebene zwischen flüchtigem Tagesgeschäft und monumentaler Spezialausgabe. Gerade dort könnte man wichtige Themen wiederholt, fundiert und dennoch zugänglich behandeln.
Wie beeinflussen Klickzahlen die Themenwahl?
Online erhalten Beiträge oft nur ein kurzes Zeitfenster auf der Startseite. Wenn ein Artikel nicht sofort genügend Klicks erzielt, verschwindet er rasch aus dem sichtbaren Bereich. Aufregerthemen, steile Thesen und starke Bilder funktionieren deshalb besser als nüchterne, langfristige Analysen. Der Aufwand einer Recherche wird im digitalen Tagesgeschäft nicht automatisch honoriert. Längere Beiträge können durchaus gelesen werden, aber eine durchschnittliche Lesezeit von fünfzehn oder zwanzig Minuten gilt bereits als aussergewöhnlich. Traditionelle Magazine erreichen mit ausführlichen Texten zudem eher ein älteres Publikum. Sind Biodiversität und Klima zu komplex für ein breites Publikum? Biodiversität ist komplex, bietet aber sehr viele konkrete Zugänge. Man muss nicht jede Fachdiskussion vollständig ausbreiten. Geschichten, anschauliche Beispiele und persönliche Erfahrungen können mehr Menschen erreichen als eine abstrakte Gesamtdarstellung. Entscheidend ist, die Substanz nicht zu verlieren. Ein anderer Zugang kann etwa über literarische Kurzgeschichten, konkrete Arten, Landschaften oder alltägliche Beobachtungen entstehen.
Welche Art der Umweltkommunikation wirkt?
Alltagsnahe, konkrete Hinweise funktionieren gut, besonders wenn sie sachlich und in gemässigtem Ton vermittelt werden. Die Botschaft darf in der Sache klar sein, sollte Menschen aber nicht unnötig abwerten. Umweltkommunikation berührt Gewohnheiten und kann deshalb Abwehr auslösen. Wenn Menschen zugleich Gelegenheit erhalten, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen, entsteht eher ein Gespräch. Es gibt sowohl zugespitzte, alarmierende Kommunikation als auch ruhige Information; beides kann seine Berechtigung haben. Entscheidend ist die Authentizität. Wer als Person sichtbar wird, besonders in Audio und Video, muss glaubwürdig in seinem eigenen Ton sprechen. Eine aggressive Rolle zu spielen, die nicht zur Person passt, überzeugt kaum. Was funktioniert eher nicht? Dauernde Katastrophenkommunikation in Verbindung mit extrem knappen Fristen kann lähmen. Das 1,5-Grad-Ziel war kommunikativ schwierig, weil der Eindruck eines einzigen magischen Schwellenwerts entstand. Wird eine solche Grenze überschritten, ohne dass am nächsten Tag eine sichtbare Katastrophe eintritt, entstehen Zweifel an der gesamten Botschaft. Ähnliches gilt für Kipppunkte: Sie sind wissenschaftlich wichtig, können kommunikativ aber Angst, Lähmung und Misstrauen auslösen, wenn sie undifferenziert dargestellt werden. Hilfreicher ist die Botschaft, dass jeder vermiedene CO2-Ausstoss und jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung zählt. Fortschritt bleibt sinnvoll, auch wenn ein früheres Ziel verfehlt wurde. Welche Bedeutung hat persönliches Vorbildverhalten? Die Vorbildwirkung wird unterschätzt. Menschen denken oft, die eigene Entscheidung bewirke nichts. Doch sichtbares Verhalten verändert soziale Normen. Wer beispielsweise nicht mehr fliegt, muss das nicht moralisch anklagend verkünden. Im passenden Kontext kann die schlichte Aussage, man habe sich persönlich so entschieden, eine starke Wirkung entfalten. Wichtig ist, ohne Überheblichkeit oder ideologischen Überbau aufzutreten.
Was sind blinde Flecken von Wissenschaft und Umweltorganisationen?
Das Fachwissen ist meist vorhanden, doch viele Forschende kommunizieren kaum ausserhalb wissenschaftlicher Zeitschriften. Öffentlich sichtbar sind häufig immer dieselben wenigen Personen, die neben ihrer Forschung faktisch einen zweiten Job in der Kommunikation leisten. Reto Knutti ist dafür im Klimabereich ein Beispiel; Sonia Seneviratne vermittelt die Zusammenhänge von Bodentrockenheit und Klimawandel sehr bodenständig und klar. Es wäre wertvoll, wenn mehr Forschende ihr Wissen allgemeinverständlich einbrächten. Bei Umweltorganisationen stellt sich zudem die Frage, wie Schutzgebiete praktisch gepflegt werden. Dabei bestehen Zielkonflikte: Massnahmen für bestimmte Pflanzenarten können sich von jenen für Vögel oder Insekten unterscheiden. Es lohnt sich, neben etablierten Organisationen auch kontroverse Stimmen und erfahrene Praktiker anzuhören, ihre Aussagen aber kritisch zu prüfen. Wo liegen besonders grosse Hebel für die Biodiversität? Politische Regeln und die Ausgestaltung von Subventionen haben wahrscheinlich den grössten Hebel. Ebenso wichtig ist der Vollzug bestehender Gesetze. Der Gewässerschutz ist ein gutes Beispiel: Das rechtliche Instrumentarium gilt grundsätzlich als gut, wird aber zu wenig umgesetzt. Revitalisierungen kommen langsam voran. Dabei lebt ein sehr grosser Teil der Arten im oder am Wasser, und die Biodiversität im Süsswasser ist besonders stark bedroht. Gewässer und Feuchtgebiete bieten zugleich eine Chance: Revitalisierungen können rasch Wirkung zeigen, Lebensräume vernetzen und die Folgen von Trockenheit mildern. Wasser ist ausserdem ein Thema, das Menschen über politische Lager hinweg interessiert, etwa beim Trinkwasser, bei der Wasserkraft oder beim Grundwasser.
Was braucht es in der Landwirtschaft?
Nicht nur die Fläche einer Biodiversitätsfördermassnahme zählt, sondern deren ökologische Qualität und die fachgerechte Bewirtschaftung. Ziel- oder ergebnisorientierte Ansätze können sinnvoll sein, sind in der Umsetzung jedoch anspruchsvoll. Praktiker wie Markus Jenni zeigen, wie Massnahmen für Arten wie den KiebitzOffenlandarten wie die Feldlerche konkret gestaltet werden können. Landwirtschaftsbetriebe, die Bodenpflege, Hecken, Kleinstrukturen und weitere Elemente verbinden, sind wichtige Anschauungsbeispiele. Fehlanreize entstehen nicht nur durch Direktzahlungen, sondern auch durch Zölle und Grenzschutz. Wenn Fleisch stärker geschützt wird als Hülsenfrüchte, erschwert dies den Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel in der Schweiz.
Wie würden Sie Spendengelder für Klima oder Biodiversität einsetzen?
Spontan würde ich an Schutzgebiete und eine erfahrene Organisation wie Pro Natura denken. Bei einer grösseren Summe würde ich aber zuerst gründlich recherchieren. Effizienz muss zunächst definiert werden: Geht es um Klimaschutz oder Biodiversität? Soll pro Franken eine möglichst grosse Wirkung entstehen, oder soll ein vernachlässigtes Feld gefördert werden? Das ist nicht zwingend dasselbe. Organisationen, die sich mit wirksamem Spenden befassen, können bei dieser Abwägung helfen. Im Biodiversitätsbereich fehlt möglicherweise weniger Geld als politischer und praktischer Umsetzungswille. Denkbar wäre daher auch, politische Arbeit oder professionelle Interessenvertretung zu unterstützen. Ein weiterer Hebel liegt in nachhaltiger Ernährung. Innovative Unternehmen für pflanzliche Lebensmittel können Konsumgewohnheiten verändern. Genannt wurden unter anderem Planted und das Zürcher Unternehmen Catchfree mit pflanzlichen Fischalternativen. Auch die Vernetzung von Biotopen - etwa nach dem Grundgedanken, in vielen Gemeinden Feuchtgebiete zu schaffen - kann mit begrenzten Mitteln grosse Wirkung entfalten.

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